Cannabis in den USA: „Hilfe, ich darf kiffen! Ist jetzt alles anders?“

2. März 2016 um 23:34

United-States-of-Cannabis

Seit 1. Juli 2015 ist der Konsum von Cannabis in Oregon legal und im Oktober eröffneten schon die ersten Shops. Vorher war nur der Konsum aus medizinischen Gründen erlaubt. Ein halbes Jahr später besuche ich erwartungsvoll eine verschlafene Kleinstadt in dem nordwestlich liegenden Staat in Amerika. Dass ich mit recht romantischen Vorstellungen hierher komme, wird mir frühestens bewußt, als ich mich gleich einen Tag nach meiner Ankunft mit Liam in seinem Haus treffe, um über das Leben vor und nach der Legalisierung zu sprechen.

Liam ist 39 Jahre alt, kommt eigentlich von der Ostküste und hat sich hier in 21 Jahren in einem öffentlichen Amt hochgearbeitet. Seit er in diesem Ort lebt, kifft und isst er täglich Cannabis. Im letzten Jahr ist noch eine medizinisch hochpotente Cannabissalbe, die er mit staatlichem Ausweis bezieht, dazugekommen. Er hat den Vorher-Nachher-Effekt in der Umstellungsperiode direkt mitbekommen. Hier meine ersten Eindrücke von einer Kleinstadt, die vielleicht noch sehr zögerlich scheint.

„Es hat unserem Städtchen einen riesigen Schrecken eingejagt!“

Das sind Liams erste Worte, bevor wir unser Gespräch überhaupt beginnen. Wir setzen uns draußen an seinem Haus versteckt auf die hölzerne Veranda, die uns durch geschickte Buschbepflanzung vor Nachbarn und anderen neugierigen Blicken abschirmt. Das Kiffen in der Öffentlichkeit ist nach wie vor gesetzlich streng verboten. Man darf einen durchziehen, aber nicht dabei gesehen werden. Es wird nichts – wie in meiner träumerischen Vorstellung – mit locker vor dem Haus in der Schaukel sitzen und einen mit den Nachbarn durchziehen. Ich bin etwas enttäuscht. Es scheint auch nicht so einfach zu sein, wie ich dachte, mit Graskonsumenten in Kontakt zu kommen. Der Touch des Verbotenen scheint noch in den Köpfen der Menschen zu hängen. Auch wenn die Menschen in diesem Ort nach außen hin als cooler gelten – im Vergleich zu Leuten in anderen Städten Oregons – gibt’s hier einfach zu viele Republikaner und Konservative.

Liam, wie ist das, wenn man sich verstecken muss, obwohl kiffen legal ist?

Es ist merkwürdig zwiegespalten, aber ich will keinesfalls dabei beobachtet werden, wie ich mein Pfeifchen durchziehe, das wäre mir irgendwie unangenehm. Ich bin hier seit langem eine öffentlich bekannte Person. Es ist zwar legal, aber trotzdem geschieht das Meiste ungesehen. In den Köpfen einiger Leute ist es immer noch eine schlimme Droge. Deshalb hat die Legalisierung vielen einen riesigen Schrecken eingejagt! Ich könnte meinen Job wegen der Kifferei verlieren. Vor meinem Sohn, der woanders lebt, kiffe ich auch nicht. Bei Freunden nur, wenn ich weiß, dass sie selber Marihuana konsumieren. Und hier in meinem Kiez können sich zum Glück höchstens die Nachbarn über den Geruch beschweren. Manche machen das. Ich beschwere mich dann immer zurück, wenn sie grillen – und so ist momentan grade Ruhe zwischen uns.

Hat sich die Haltung in der Öffentlichkeit dem Kraut gegenüber seit der Legalisierung verändert?

Die meisten Älteren haben letztes Jahr erstmal diesen riesigen Schreck bekommen, dass die „böse Droge“ plötzlich erlaubt sein soll! Für die steht die Welt noch Kopf. Ich kenne gleichfalls Leute, die früher enorme Angst hatten zu kiffen weil es illegal war und die heute täglich fröhlich einen durchziehen. Für die jungen Leute ist das jetzt allgemein viel entspannter, die haben gejubelt und in Portland am 1. Juli letzten Jahres eine Menge Tüten auf öffentlichen Plätzen gleichzeitig angezündet, obwohl genau das nicht erlaubt ist. Sie sind plötzlich keine Kriminellen mehr, werden aber trotzdem von manchen komisch wegen ihres Konsums angeschaut.

Text und Fotos: Pia M.

Das ganze Interview könnt Ihr jetzt in thcene 02/2016 lesen.