MDMA-Adam, Ecstasy, XTC, Emma

1. Juli 2015 um 06:17

(12) MDMAIm dritten Teil unserer Drogeninfo-Serie besprechen wir eine Substanz, die seit Jahrzehnten sowohl innerhalb der Partyszene, als  auch in der psychonautischen Bewegung konsumiert wird und immer wieder in die Schlagzeilen der Szene-, aber auch der Mainstream-Medien gerät. Besonders wichtig in Bezug auf die ernsthafte und angewandte Psychonautik ist dieses Entaktogen und Empathogen als Therapeutikum, weil es ungeahnte, aber auch wohl bekannte Qualitäten in der Behandlung traumatisch erkrankter und anderer Patienten aufweist und weil das Potenzial dieser nach wie vor verbotenen Medizin noch lange nicht vollends ausgeschöpft werden kann. Es geht um ein Molekül, das in der Öffentlichkeit als Ecstasy bekannt geworden ist: Willkommen zur Drogeninfo MDMA.

Was in der Szene als Ecstasy, Adam, Empathy, XTC, E, M, Emma und neuerdings sogar als Molly bekannt ist, nennt der Fachmann 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin oder auch N-Methyl-1-(1,3-benzodioxol-5-yl)-2-propanamin bzw. N-Methyl-2-amino-1-(3,4-methylendioxyphenyl)-propan. Bei MDMA handelt es sich um ein Molekül, das zur chemischen Stoffklasse der Phenylethylamine gehört. Verwandte psychoaktive Substanzen sind Amphetamin, Methamphetamin, Cathinon (und -Derivate), MDA und ähnliche, Methylphenidat (bekannt als Pharmaka Ritalin und Medikinet), aber auch das in Kakteen vorkommende Meskalin und Verwandte, sowie manche unserer körpereigenen Botenstoffe, Dopamin etwa. MDMA ist bislang nicht in der Natur entdeckt worden und ergo nur als Synthetikum bekannt.

Manche glauben, der US-amerikanische Psychedelikaforscher und -pionier Alexander T. Shulgin (17. Juni 1925 bis 2. Juni 2014) habe MDMA entwickelt. Immerhin wird Shulgin Pate oder auch Vater des MDMA genannt. Dem ist allerdings nicht so. Zwar war es Shulgin, der die Substanz in der Welt bekannt machte, entwickelt wurde MDMA jedoch von einem Mitarbeiter des deutschen Pharmaunternehmens Merck in Darmstadt. Der Chemiker Dr. Anton Köllisch hatte 1912 auf der Suche nach einem blutstillenden Arzneimittel MDMA als Zwischenprodukt synthetisiert (viele Quellen geben an, dass MDMA als Appetitzügler entwickelt worden sei, was nicht der Wahrheit entspricht). Das Molekül wurde von Merck am 16. Mai 1914 patentiert, jedoch nie eingehend untersucht und geriet dann schlichtweg in Vergessenheit (was uns unwillkürlich an die Geschichte des LSD erinnert, siehe dazu unsere vorige Ausgabe mit der Drogeninfo LSD). In den 50er-Jahren tauchte MDMA dann in militärischen Kreisen der USA auf und wurde in geheimen Testprojekten verwendet, beispielsweise im Rahmen des CIA-Projekts MK-Ultra, bei dem neben MDMA eine Reihe anderer psychoaktiver Substanzen, zum Beispiel LSD und Scopolamin, auf ihre Tauglichkeit als Hirnwäsche- und Mind-Control-Drogen untersucht wurden – freilich ohne, dass die Öffentlichkeit davon Wind bekommen hat. MDMA erwies sich nach zahlreichen Tierversuchen für das Militär als unnütz, weshalb zum Glück kein weiterer Schindluder damit getrieben wurde. Am Menschen wurde die Substanz von den Militärs indes nicht geprüft und es ist vollkommen unbekannt, wer der erste Mensch gewesen ist, der je MDMA probierte.

Es war im Jahr 1967, als die Studentin Merrie Kleinman ihren Professor Alexander Shulgin an der San Francisco State University über die psychoaktive Effektivität des MDMA unterrichtete, woraufhin Shulgin sich für das Molekül zu interessieren begann und sich an die Arbeit machte, MDMA zu erforschen. Interessanterweise hatte Shulgin zwei Jahre zuvor, 1965, selbst MDMA hergestellt, aber nicht getestet. 1978 berichtete Alexander Shulgin dann in einem Artikel von der Wirkung des MDMA auf den Menschen und befand es als ein „psychotherapeutisches Hilfsmittel“. Daher erlangte MDMA in den 80er-Jahren eine große Beliebtheit bei Psychotherapeuten, die mit Hilfe dieser entaktogenen und empathogenen Substanz viele Patienten, darunter selbst schwere Fälle psychischer Traumata, zu einem Großteil erfolgreich behandelten. Wegen der Popularität der Droge wurde MDMA 1985 in den USA verboten, im August 1986, nach einem Beschluss der Vereinten Nationen, dann auch in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Damit war es aus mit den offiziellen Ecstasy-Behandlungen, was der Beliebtheit des MDMA im privaten wie im therapeutischen Untergrund aber keinerlei Abbruch tat. 1991 publizierte Sasha Shulgin in seinem Werk PIHKAL (Phenethylamines I have Known and Loved) sowohl den Syntheseweg des MDMA, als auch persönliche Erfahrungsberichte, was der Substanz dann endgültig den Weltruhm einbrachte. Seitdem ist MDMA nicht mehr von der Tanzfläche wegzudenken.

Text: Markus Berger

Illustration: Oliver Buchal

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Und hier eine weiterführende Literaturliste zum Thema:
Benzenhofer, U., Passie, T. (2006), The early history of Ecstasy, Nervenarzt 6 (Januar)
Berger, Markus (2004), Handbuch für den Drogennotfall, Solothurn: Nachtschatten Verlag
Daumann, Jörg und Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank, Oliver Bilke-Hentsch, Michael Klein (2015),
Amphetamine, Ecstasy und Designerdrogen, Kohlhammer-Verlag
Fadiman, James (2011), The Psychedelic Explorer’s Guide: Safe, Therapeutic, and Sacred Journeys, Park Street Press
Jungaberle, Henrik und Peter Gasser, Jan Weinhold, Rolf Verres (Hrsg.) (2008), Therapie mit psychoaktiven Substanzen. Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA, Verlag Hans Huber
Saunders, Nicholas (1997), Ecstasy und die Tanz-Kultur, Solothurn: Nachtschatten Verlag
Shulgin, Alexander und Ann (1991), PIHKAL – A Chemical Love Story, Berkeley: Transform Press
Trachsel, Daniel (2011), Psychedelische Chemie, Solothurn: Nachtschatten Verlag
Turner, D. M. (1997/2012), Der psychedelische Reiseführer, Solothurn: Nachtschatten Verlag
Weigle, Constanze und Ronald Rippchen (1997), MDMA – Die psychoaktive Substanz für Therapie, Ritual und Rekreation, Löhrbach: Werner Pieper’s Medienexperimente
Widmer, Samuel (2013), Ins Herz der Dinge lauschen: Vom Erwachen der Liebe – Über MDMA und LSD (8. Auflage), Solothurn: Nachtschatten Verlag