Nonpharmakologische Techniken der Bewusstseinserweiterung

29. August 2014 um 12:40

Beim Terminus „Bewusstseinserweiterung“ denken die meisten Menschen fast automatisch an psychoaktive Drogen. Jedoch ist die Einnahme psychoaktiver Substanzen nur eine von vielen geistbewegenden Techniken, mit denen sich veränderte Bewusstseinszustände erleben lassen. Und da sie im Gegensatz zu den meisten psychoaktiven Substanzen nicht illegal sind, werden sie präferiert in therapeutischen Settings angewendet. Die Rede ist von den sogenannten nonpharmakologischen Techniken der Bewusstseinserweiterung, zu denen etwa bestimmte Atemtechniken, Meditation, Yoga, Klang, sensorische Reizdeprivation (z. B. Floating) sowie das aus dem Schamanismus bekannte Schwitzhüttenritual gezählt werden können.

Dennoch ist es natürlich so, dass Drogen das zuverlässigste Mittel sind, wenn es darum geht, Rauschzustände inklusive einer Veränderung bzw. High-ohne-Drogen Erweiterung des Bewusstseins zu induzieren. Dass dem so ist, wussten beispielsweise schon die Schamanen der alten Kulturen, die seit Urzeiten bestimmte Psychoaktiva als wichtige Instrumente im Rahmen ihrer Heilungszeremonien einsetzen. Und zwar nicht als direkte Heilmittel, sondern vielmehr als indirekte, die nämlich dadurch, dass sie die Pforten der Wahrnehmung bzw. die Tore zum Unterbewusstsein öffnen und gegebenenfalls eine visionäre Schau einleiten, den Patienten den Ursprung bzw. die Quelle seiner Erkrankung erkennen lassen. Diese Quelle, der pathologische Ursprung, der immer feinstofflicher Natur ist und sich schließlich erst im Körper als Krankheit manifestiert, wird schließlich, unter Mitarbeit des Patienten, vom Schamanen behandelt. Aber wie gesagt: Halluzinogene oder empathogene Drogen wirken in diesem Zusammenhang nicht als direktes Heilmittel, sondern vielmehr als eine Art Katalysator, der einer Person den Zugang zu ihrem wahren Selbst bzw. zu tiefliegenden inneren Prozessen ermöglicht, wodurch dann schließlich ein richtiger Heilungsprozess und nicht bloß eine provisorische Symptomlinderung in Gang gesetzt wird.

Dass bestimmte Psychoaktiva über ein enormes tiefenpsychologisches Potenzial verfügen, wussten aber nicht nur die alten Schamanen, die übrigens auch zahlreiche andere Techniken der Bewusstseinserweiterung beherrschten. Auch experimentelle westliche Psychologen und Psychiater erkannten in den 1950er Jahren – einer Zeit, in der das Einheitsabkommen über Betäubungsmittel (Single Convention on Narcotic Drugs) noch nicht existierte – das therapeutische Potenzial diverser Psychoaktiva. Insbesondere jener, die den Gruppen der Psychedelika, den Dissoziativa sowie den Empathogenen zugeordnet werden. Substanzen also, die tiefgreifende Wahrnehmungsveränderungen bewirken, aber über kein substanzeigenes Abhängigkeitspotenzial verfügen. Und diese aufgeschlossenen Psychologen, Therapeuten und anderen Wissenschaftler waren es letztlich, die sich unter anderem vom traditionellen Schamanismus haben inspirieren lassen und anfingen, mit psychoaktiven Substanzen in therapeutischen Settings zu experimentieren. Heute werden diese Personen, zu deren ersten Generation beispielsweise Hanscarl Leuner (1919–1996), Peter Baumann (1935–2011), Humphry Osmond (1917–2004) sowie Stanislav Grof (*1931) gehören, als Pioniere der psycholytischen bzw. psychedelischen Psychotherapie bezeichnet. Der Unterschied zwischen der psycholytischen und der psychedelischen Psychotherapie ist der, dass bei der Psycholyse mit wiederholten Sitzungen gearbeitet wird, in welchen lediglich niedrige bis mittlere Substanzdosierungen verabreicht werden. Bei der psychedelischen Methode hingegen werden einmalig hohe Dosierungen gegeben. Substanzen, die anfänglich im Rahmen dieser Methoden bevorzugt genutzt wurden, waren die Tryptamine DMT, CZ-74, Psilocybin/Psilocin, 4-HO-DIPT, 5-MeO-DIPT, 5-MeO-DMT, das Beta-Carbolin Harmalin, das Ergolin LSD sowie die Phenethylamine Meskalin, 2C-B, 2C-E, MDMA, MDA, MDE, Methylon und TMA-2. Dies sind fast alles Substanzen, die heutzutage als nicht verkehrs- oder verschreibungsfähige Stoffe unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, wodurch letztlich jedwede therapeutische Nutzung oder gar wissenschaftliche Forschung mit diesen Substanzen bedauerlicherweise zum Erliegen gebracht bzw. in den wissenschaftlichen Untergrund verdrängt wurde. Aufgrund der rechtlichen Schwierigkeiten wird in psycholytisch-therapeutischen Settings heutzutage meist das psychedelisch-dissoziative Narkotikum Ketamin als LSD-Ersatz sowie das stimulierende Phenethylamin-Alkaloid Ephedrin als „herzöffnendes“ MDMA-Substitut verwendet. Beides sind Substanzen, die von Ärzten und zugelassenen Therapeuten auf legalem Wege bezogen werden können.

Okay, jetzt, wo geklärt ist, dass der Konsum psychoaktiver Drogen seit jeher eine herausragende Stellung als zuverlässig wirkende Technik zur therapeutischen Bewusstseinserweiterung einnimmt, ist es an der Zeit, andere etablierte Verfahren kennenzulernen. Techniken also, die in gleicher bzw. vergleichbarer Weise dazu geeignet sind, einen transformativ-erweiterten oder gar entheogenen Bewusstseinszustand zu induzieren, worunter in erster Linie ein solcher Zustand zu verstehen ist, der einen Menschen mit seiner ursprünglichen Schöpfungsquelle verbindet und ihn darüber hinaus übergeordnete Zusammenhänge erkennen und heilbringende Antworten finden lässt.

Text: Kevin Johann

Illustration: Oliver Buchal

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