Opium für das Volk?

2. Januar 2014 um 09:00

Schon lange hatten wir einen Pfarrer auf unserem Interviewwunschzettel für ein Gespräch über Gott, die Welt und Cannabis zu stehen – doch lange Zeit fanden wir einfach keinen, der bereit war, mit uns darüber zu sprechen. Zu abschreckenPfarrer-Lothar-Koenigd schien die Bezeichnung „Cannabis-Fachmagazin“ auf die Kirchenvertreter zu wirken, die alle Interviewanfragen absagten oder gar nicht erst beantworteten. Als wir die Hoffnung schon fast aufgeben wollten, sahen wir im Fernsehen einen vollbärtigen Mann, der so gar nicht in das Bild eines Pfarrers passen wollte. Vielleicht machte er ja deshalb sofort den Eindruck, dass sich hier noch einmal eine letzte Interviewanfrage lohnen könnte.

Schon in der DDR rebellierte Jugendpfarrer Lothar König friedlich gegen die Staatsmacht – so organisierte er Ende der 80er-Jahre die Montagsdemos in Merseburg und wurde deshalb von der Stasi abgehört. Nach der Wende baute er in Jena den von Neonazi-Überfällen verwüsteten Jugendtreff „JG Stadtmitte“ (Junge Gemeinde) wieder auf, wo er auch heute noch tätig ist. Es kam immer wieder zu Nazi-Angriffen auf diesen Jugendtreff – aber auch die Polizei interessierte sich mitunter sehr für den umtriebigen Pfarrer: 1996 fand in der „JG Stadtmitte“ eine Polizeirazzia statt und man ermittelte gegen König wegen Drogenhandels – die Vorwürfe stellten sich als nicht haltbar heraus und es folgte eine offizielle Entschuldigung des damaligen Thüringer Innenministers. Gleichzeitig erhielt die Jenaer Junge Gemeinde Stadtmitte bundesweite Anerkennung für ihr Engagement gegen Rechts und die Arbeit mit obdachlosen Jugendlichen und Migranten in Form renommierter Preise. Ab dem Frühjahr 2011 wurde König dann bundesweit durch viele Presse- und TV-Berichte bekannt, da die Staatsanwaltschaft Dresden ihm im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen anlässlich der Nazi-Aufmärsche in Dresden (im Februar 2011) „schweren aufwieglerischen Landfriedensbruch“ vorwarf und in zehn Punkten anklagte. Dabei kam heraus, dass die Staatsanwaltschaft sehr einseitig ermittelt hatte, denn Königs Strafverteidiger entdeckte zufällig mehr als 170 Seiten ungeordnetes Entlastungsmaterial in den Akten des Gerichts, dessen Existenz ihm zuvor von der Staatsanwaltschaft gar nicht mitgeteilt worden war. Auch entlastende Polizeivideos waren zurückgehalten worden – Königs Anwalt sprach daraufhin von „einem klassischen Fall der Beweismittelunterdrückung“. Ganz offensichtlich will die Dresdner Justiz ein Exempel an diesem unangepassten Kirchenvertreter statuieren, während das Thüringer Sozialministerium König 2013 mit dem „Thüringer Demokratiepreis“ bedachte.

Ein landesweit bekannter Pfarrer, der so stark polarisiert – wir hätten uns keinen besseren Interviewpartner wünschen können …

Was macht heutzutage einen Pfarrer aus bzw. was sollte ihn ausmachen?

Also unten sollte er zwei Beine und oben eine Verdickung über dem Hals haben – und darin dann möglichst zwei, drei Gehirnwindungen. Denn ganz ohne Kopf und Verstand geht es nicht. Und man sollte versuchen, stets menschlich zu bleiben.

Was hat dich bewogen, Pfarrer zu werden?

Wenn ich an meine Anfänge zurückdenke, dann ist das ja alles auch eine persönliche DDR-Geschichte: Da waren ja viele Wege recht eingeschränkt, insbesondere in der langhaarigen 68er-Zeit. Das ist natürlich nicht mit dieser Zeit im Westen vergleichbar, aber im Nachklang fand das zwar etwas provinzieller, aber ja auch in der DDR statt. Insbesondere der „Prager Frühling“ – also der Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei – war ja so etwas wie der moralische Kollaps des sogenannten „realen Sozialismus“. Das war mir damals – als gerade mal 15-Jährigem – natürlich noch nicht so bewusst, aber ich habe schon gespürt, dass da irgendetwas kaputtgegangen ist. Danach fiel es mir schwer, mich dem System anzupassen, und so landete ich – wie übrigens viele aus der damaligen Langhaarigen-Szene – bei der Kirche. Hier haben wir unsere Nische gefunden, in der wir ganz offen über alles sprechen konnten, und so habe ich mich dann auch dort beworben. Nach einer ersten Ablehnung konnte ich dann meine evangelische Diakonenausbildung zum Jugendwart beginnen, da ich erfolgreich bei der Frage log, ob ich denn an Gott glauben würde – so bin ich damals in dieses Kirchen-System reingerauscht. Als mir dann irgendwann vorgeschlagen wurde, Theologie zu studieren, dachte ich anfangs noch: „Ach du Scheiße – soll ich jetzt wirklich Pfarrer werden?“ Pfarrer waren damals eigentlich bei allen Leuten, die bei der Kirche Jugendarbeit lernen wollten, das Feindbild Nummer Eins. Aber ich entschied mich dann doch dafür – denn vielleicht war da ja doch irgendetwas dran. Danach hatte ich dann aber noch eine ganze Weile das Gefühl, damit irgendwie die Fronten gewechselt zu haben.

Ohne die DDR wärst du also gar nicht in der Kirche gelandet?

(Lacht) Ja, ich glaube schon, vielleicht sogar zu 100 Prozent – aber wer weiß schon, was aus mir ohne die DDR geworden wäre?

Glaubst du inzwischen an Gott im biblischen Sinne oder was bedeutet „Gott“ für dich?

Ich versuche, mir kein Bildnis von Gott zu machen, aber ich glaube daran, dass er Mut macht, Hoffnung schenkt und einen aus ungerechten gesellschaftlichen Strukturen befreien kann. Gott ist für mich Vertrauen und Hoffnung – und der Glaube das Einzige, was der Einzelne einer Übermacht anderer entgegensetzen kann. Insofern finde ich den jüdisch-christlichen Glauben einfach genial – für mich steckt da unsere ganze Menschheitsgeschichte drin. Ich finde es zum Beispiel ungeheuer spannend, wie es damals den ebenso genialen wie verbrecherischen Römern zum einen gelungen ist, ihr riesiges Weltreich 2000 Jahre lang zu erhalten und wie es ihnen zum anderen gelang, aus einer faktisch kleinen Untergrundorganisation – verrückte Typen, die sich Christen nennen – innerhalb von 60 Jahren eine Staatsreligion zu machen. Außerdem gibt es in der Bibel auch so viele Lebensgeschichten – und es sind immer die gleichen: Sie erzählen von Leuten, die verlieren oder in Todesangst stecken, die verfolgt werden, weil sie Fremde sind, und sie zeigen uns die Spannweite des Lebens zwischen Angst und Hoffnung, zwischen Freude und Verzweiflung. Das sind Überlebensgeschichten, die Menschen passiert sind, die lange vor meiner Zeit lebten – und trotzdem ist es auch heute noch interessant für mich zu sehen, wie die damals mit ihrer Situation umgegangen sind.

Und was hältst du vom Teufel?

Ach, der Teufel – zum einen mag ich den, schon allein wegen der Stones und ihrem Lied „Sympathy for the Devil“ – noch immer eines meiner Lieblingslieder. Zum anderen ist der Teufel natürlich rotzgefährlich – aber er gehört immer dazu, im Guten wie im Schlechten, wie das Oben und das Unten, wie das Gute zum Bösen oder wie das Richtige zum Falschen. Manchmal kriege ich selber Angst vor dem Teufel in mir.

Interview: Martin Müncheberg

Das ganze Interview könnt Ihr in Ausgabe 1/2014 der Thcene lesen