Cultiva 2011: Die Hanf-Renaissance hat längst begonnen

22. Januar 2011 um 22:15

Auch im vergangenen Jahr versammelte sich die internationale Hanfgemeinde vor den Toren Wiens, um vom 28-30. Oktober die größte Hanfmesse im deutschsprachigen Raum zu zelebrieren. Die Glaspyramide in Vösendorf bot wieder das ideale Ambiente für eine Hanfmesse, denn wo kann man die älteste Nutz- und Medizinalpflanze der Menschen besser repräsentieren, als in einem überdimensionalen Gewächshaus mit ganz spezieller Athmosphäre?

Text & Fotos: Kimo

Österreich: Ein Vorbild in Sachen Hanf?

Hanf ist in der Alpenrepublik noch nie ganz verboten gewesen und erlebt in den vergangenen Jahren geradezu eine Renaissance, so war es nicht verwunderlich, dass das Angebot an Nutzhanfprodukten kaum noch überschaubar war. Es gab verschiedenste Sorten Hanföl, Hanfnudeln, Kleidung, Dämmstoffe noch vieles mehr aus der schier unendlichen Produktpalette, die sich aus der Nutzpflanze Cannabis herstellen lassen. Selbst eine traditionelle Hanfseilerei, die Seilerei Eisserer aus Amstetten, war mit einem Stand auf der Messe vertreten.

Auch die mittlerweile etablierte Gemeinde Hanfthal, wo sich eine ganze Region die Förderung des Hanfanbaus auf die Fahnen geschrieben hat, junge Start-Up Unternehmen wie die Lamina, oder die Hanf-Matratzenhersteller von Obermühle.at haben gezeigt, dass die Hanfpflanze besonders in Österreich ihre illegalisierte Nische langsam wirklich verlässt.

Österreich ist der beste Beweis, dass auch die industrielle Nutzung von Hanf von den Kampagnen der Legalisierungs-Befürworter profitieren. Aktivisten wie Jack Herer waren die ersten, die das Potential der Hanfpflanze vollumfänglich re-publiziert haben, ohne die Cannabisdiskussion wären selbst die heute wieder zugelassenen Sorten bis auf Weiteres in der Illegalität versumpft. Das sollten gerade in Deutschland die niemals vergessen, die eine „Durchmischung“ dieser zwei Richtungen innerhalb der Szene strikt ablehnen. Auch die legalen EU-Hanfsorten sind nur ein weiterer Trick, Bauern von Saatguthändlern abhängig zu machen, in diesem Falle unter dem Deckmantel der Drogenprävention.

Altbewährtes für den Gärtner

Am Freitag Morgen ging der Trubel dann los, sobald die Messe ihre Tore um 11 Uhr geöffnet hatte. Scharen Interessierter strömten durch die Pyramide und versuchten, so viele Papier- oder Düngersamples wie nur eben möglich abzustauben, indem sie ihre Beute-Tüten in einer ruhige Ecke bunkerten und gleich die nächste Runde drehten, bis beide Arme wieder voller Tüten hingen …

Auch 2011 waren die Gänge gut gefüllt und an manchen Stellen wurde es sehr eng, allerdings konnte man sich im Vergleich zu den vergangen Jahren noch fortbewegen, ohne ständig im Stau zu stehen. Vielleicht lag das daran, dass auch einige Protagonisten aus der Hanfszene den Weg nach Wien nicht gefunden haben: Szene-Größen wie Canna, Hesi, GHE, BioBizz, die Homebox oder auch das Hanf Journal waren leider nicht mit einem Stand vor Ort.

Man sieht aber auch eine Menge “alter Hasen“, die sich nach den zahlreich angebotenen Schnäppchen oder einer wirklich eindrucksvollen Neuheit umschauen. Das mit den Schnäppchen ist auf einer Hanfmesse meist nicht allzu schwer, besonders am letzten Tag versucht so manch‘ Händler, bei der Heimfahrt Gewicht oder Platz zu sparen und bietet den Reflektor, das Hydro-Set oder die große Bong dann doch einige Euro unter dem Ladenpreis an.

Auch der unauffällige, dafür umso ambitioniertere Grower auf der Suche nach den neuesten Trend, ist ebenso eine typische Messe-Spezies. Er meidet alle Stände mit Rauchgeräten, bleibt dafür an der Schreibtischlampe eines Growequipment-Anbieters, die den Messetisch beleuchtet, stehen und fragt: „Wieviel Watt hat die?/ Wie viele Stecklinge passen da drunter?“

Doch neue Trends hin oder her, wirklich Revolutionäres haben die Hersteller von Leuchten, Zelten & Co zur Zeit nicht anzubieten. Nette Ideen wie der Air-Pot Hydro-Kit oder ein neuer Aufsatz für die Hydrosysteme der Firma Growtool, der die Luftzirkulation im Growzelt immens verbessert, sind zwar für betroffene Spezialisten sehr hilfreich und oft auch ertragssteigernd, die lange versprochene Beleuchtungs- Revolution lässt aber immer noch auf sich warten: Wie ich schon seit Jahren predige, ist die LED-Technik zur Pflanzenbeleuchtung nicht ausgereift und herkömmlichen NDL-Leuchtmitteln weit unterlegen. Nachdem sich gezeigt hat, dass man mit alt hergebrachter Technik immer noch effektiver (also mehr Gramm pro Watt) gärtnert, als mit irgendwelchen Ufos oder Leisten, sind die Anbieter dieser Lampen mit wenigen Ausnahmen auch fast von den Hanfmessen verschwunden. Einzig und allein ein Hersteller aus Fernost, für den Pflanzenanbau unter Licht offensichtlich absolutes Neuland war, hat noch versucht, die Besucher mit den Funzeln zu blenden. Die Hanfszene wird wohl noch ein paar Jahre warten müssen, bis die Erleuchtung in Sachen Beleuchtung auf dem Markt ist.

Ein kleiner Tipp: Die Gemüsebauern in den Niederlanden haben einen ungleich höheren Umsatz als alle Europäischen Indoor-Hanfbauern. Solange diese Berufsgruppe noch mit Hochdruck-Dampflampen Gurken, Tomaten und Paprika anbaut, können sich auch Grower sicher sein, dass das die effektivste und stromsparendste Variante ist.
Merke: Eine 100 Watt NDL-Lampe bringt mehr verwertbares Licht und somit mehr Ertrag als ein LED-Ufo mit der selben Leistung.

Am präsentesten waren natürlich die zahlreichen Samenhersteller und eine Hand voll einheimischer Stecklingshändler. Für deutsche Grower muss das Angebot an Samen und legalen Stecklingen fast schon unerträglich sein, da es für meine Landsleute heißt: „Nur schauen, nicht mit nach Hause nehmen.“ Unsere Nachbarn hingegen freuen sich ob der zahlreichen Varianten, die ihnen bei der Sortenauswahl zur Verfügung stehen. „ Ich weiß gar nicht, was ich nehmen soll. Die neuen Erdbeerli als „Clone-Only“ oder doch lieber ein Paket feminisierte Lemon Haze Seeds?“ hörte ich einen Grower aus unserem Nachbarland sagen. Wenn das keine Probleme sind …

Riesig- Das Rahmenprogramm

Das Rahmenprogramm der Cultiva war einmalig abwechselungs – und lehrreich, beleuchtete es doch alle Facetten der illegaliserten Pflanze. Die beiden Hanf-Köche und Buchautoren Kathrin Gebhardt („Backen mit Hanf“) und Friedrich Pinteritsch bewiesen dem Publikum vier Mal täglich, dass Backen und Kochen mit Hanf nicht nur gesund, sondern auch schmackhaft sein kann. Im Cultiva-Kochstudio zeigten beide ihre neue Kreationen aus der Cannabis-Küche, selbstredend THC-frei. Kathrins Kochshow wurde abwechselnd von Carlos (Hanfparade) und Micha (Chefredakteur Hanf Journal) aufgelockert und mit rein theoretischem Wissen zur THC-haltigen Hanfküche verfeinert.

Ein absolutes Highlight war die DVD-Premiere von „Mr. Nice“, der in Person von Kiffer-Legende Howard Marks höchstpersönlich angereist war, um die die Vorführung noch um eine Autogramm- und Signierstunde zu bereichern. Im Outdoor-Chillbereich der Messe, wo sich Raucher und Sportzigarettenliebhaber die Feuerzeuge in die Hand gaben, waren Profi-Slackliner zu Gast. Eigentlich bin ich ja durch wildes Rumgehopse nicht so schnell zu begeistern, aber was die Mädels und Jungs auf dem wenige Zentimeter breiten Seil veranstaltet haben, verdient einfach nur Respekt.
Vor allen Dingen, wenn man selbst vorher erfolglos versucht hat, diese neuzeitliche Variante des klassischen Seiltanzes zu praktizieren …

Praktische Tipps für Gärtner gab es im Workshop von Advanced Nutrients, daneben konnte man bei zahlreichen Vorträgen und Workshops in den Kongressräumen der Messe eine Menge Wissenswertes mit nach Hause nehmen. Im Gegensatz zu einigen überflüssigen Produkten gratis und extrem interessant. Selbstverständlich waren viele Cannabispatienten aus ganz Europa angereist und bildeten mit „Cannabis als Medizin“ den Themenschwerpunkt des dreitägigen Kongresses. Selbst die Naturheilkunde hat die Hanfpflanze endlich wieder entdeckt, wie der Beitrag „Phytotherapie – Hanf zurück in der Naturheilkunde “ von Thomas Baechler und Gordon Dobritzsch eindrucksvoll bewiesen hat.

Und die Flops?

Wenige, aber dann doch ein paar.

Die Dragonbong: Täuscht Schweizer Wertarbeit vor, kommt aus Fernost ist qualitativ minderwertig und kaum rauch- oder putzbar. Trotzdem gibt es jetzt eine Nachfolgerversion, die genauso mies ist wie die Pfeifen der ersten Generation der „Dragonbong.“

Reguläre Samen: Gibt es fast gar nicht mehr. Schade, denn so wird dem Grower die Einrichtung einer Mutterkammer und das Selektieren einer ertragreichen Mutterpflanze schwer gemacht. Zudem schadet es der Sortenvielfalt, weil beim Feminisieren keine neue Sorten entstehen können.

Das Hotel: Obwohl im vierten Jahr aufgrund der Messe ausgebucht, versteht es das Personal nicht, sich auf das volle Haus einzustellen. Extrem lange Wartezeiten beim Essen, genervte Bedienungen, mieser Service beim Frühstück und Ärger beim Ein-und Auschecken gehören hier anscheinend zum guten Ton. Alternativen zum „Austria Trend“ sind mit Mehraufwand verbunden, da es besonders für Aussteller und Menschen, die auf der Messe arbeiten, kaum zumutbar ist, ein anderes Hotel zu nutzen, ohne lange Fahrzeiten in Kauf zu nehmen. In diesem Zusammenhang möchte ich noch meinen persönlichen Dank an die Firma Weed-Star Bongs und deren Inhaber Ziggy Jackson aussprechen, der mich vor einer unruhigen Nacht in der Hotellobby bewahrt hat. So wurde aus einem Buchungsfehler eine sehr verrauchte und angenehme Nacht.

Gut organisert- in diesem Jahr gerne wieder

Zwar war unsere Redaktion diesmal nicht mit einem Stand vertreten, trotzdem haben wir es mit der Hilfe einiger Fleißbienchen geschafft, 6000 Exemplare des aktuellen Thcene-Heftes unter die Leute zu bringen. Nicht zuletzt dank der gute Organisation des Bushdoctor-Teams rund um Harry war die Cultiva auch im Jahr 2011 ein Ereignis, an das man gerne zurückdenkt. Danke dafür und bis zur kommenden Cultiva 2012!

Kimo